Pastor Eckhart Friedrich

… Doch hierbei handelt es sich nicht um die nachgeholte Trauer einer Mutter über einen Jahre zurückliegenden Tod. Vielmehr werden wir mit diesem Satz mit hinein genommen in die lange Geschichte von Schuld und Selbstvorwürfen, die sie sich machte, weil sie noch am Abend desselben Tages eingewilligt hatte, dass ihrem für Hirntod erklärten Sohn ein Organ entnommen werden sollte. Diesen Schritt hat Gisela Greinert im Nachhinein vor allem als ein Versagen als Mutter erlebt, als eine Schuld, die sie auf sich geladen hat, die ihr den Atem nahm. Vor Schülern des H.-Heine-Gymnasiums in Wolfen, Sachsen-Anhalt, sagte sie im Rahmen von Projekttagen zur Organtransplantation: „Ich habe einmal eingewilligt, dass ein Mitglied meiner Familie vollkommen verlassen und ohne eine Begleitung sterben musste. So weit es an mir ist, möchte ich nie wieder ein Familienmitglied so sterben lassen.“

Von diesem Schmerz habe ich viele Menschen dieser Tage sprechen gehört, ganz unabhängig von den Fragen einer Organtransplantation. – Renate Greinert erfuhr 18 Jahre nach jener Zeit, dem Tod ihres Sohnes, von einem alten Pfarrer eine Antwort auf ihre persönlichen Ängste vor der Abrechnung, die in der Zukunft auf sie warten könnte. Er sagte zu ihr: „‚Richten‘ heißt auch ‚aufrichten‘ …“! – Unsere Gottesdienste, unsere Lieder und Gebete, zu denen wir als Christen greifen, wollen genau dies: Aufrichten, wo die kommenden Ereignisse uns vor allem zu beugen drohen. Aufrichten, wo die Gegenwart nichts als Unsicherheit zu bieten hat. Möge uns in jeder schweren Zeit dies ‚Aufrichten‘ als Möglichkeit erhalten bleiben!

 

Ihr Pastor Eckhart Friedrich