Karl-Ernst Wahlmann

... Rituale verbinden die Menschen in der Familie, im Kindergarten, in der Schule, an der Universität, in den Religionen. Und natürlich bei den Übergängen des Lebens: Geburt, Einschulung, Hochzeit, Tod. Es gibt sie im Leben des Einzelnen, aber auch im Miteinander der Gesellschaft: nach Terroranschlägen, bei öffentlichen Trauerfeiern, bei Demonstrationen. Der Alltag, so scheint es, ruft nach einer Überhöhung, nach einer „Anderswelt“.

Im Kindergarten, wenn Kinder zu ersten Mal aus dem familiären Schutzraum in eine unbekannte Welt voller neuer Eindrücke treten, werden sie getragen von Ritualen.
Die Begrüßung, der Morgenkreis, das Essen, in jeder Begegnung bekommen sie ihren Platz. Das gibt ihnen Sicherheit. Gerade das Mittagessen ist ein zentrales Element in jedem Kindergarten. Gemeinsame Mahlzeiten – wohl die Urform aller Rituale – sind selten geworden in vielen Familien, aus Zeitmangel, Überforderung oder Nachlässigkeit. Für ein Gefühl von Geborgenheit sind sie aber zentral. Nicht das herausragende Ereignis, sondern der gewohnte, alltägliche Ablauf schenkt Ruhe und Geborgenheit und bereitet auf das Kommende vor.

In der Geschichte vom „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry verspätet sich der kleine Prinz bei seinem Besuch beim Fuchs. Dieser sagt:
Es wäre besser gewesen, du wärest zur selben Stunde wiedergekommen … Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, umso glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll … Es muss feste Bräuche geben.

Mein Arzt hat mir gegen meine Rückenschmerzen Übungen mit einem Streckband vorgeschlagen und ich habe festgestellt, dass sie mir helfen. Obwohl ich das weiß, fällt es mir schwer, meine Faulheit zu überwinden und meine Übungen zu machen. Das Wissen allein bringt mich noch nicht zum Handeln. Erst der feste Zeitpunkt, den ich meinem Training eingeräumt habe. hilft mir.
So dehne und strecke ich mich vor dem Frühstück und zwar immer nur dann und nur dann.
So wird mir mein Verhalten geläufig und diese Geläufigkeit macht mir die Sache leichter. Was in meiner Beliebigkeit ersticken könnte wird möglich durch das Einhalten der festen Zeit.
Anschließend bleibe ich noch einen Augenblick sitzen, achte auf meinen Atem, werde meiner selbst gewiss und gehe dankbar in den beginnenden Tag.

Ihr Karl-Ernst Wahlmann

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