Karl-Ernst Wahlmann

...Ja, ich bin alt und allzu lange habe ich nicht mehr zu leben. 
Ich sollte mich auf mein Ende vorbereiten. 
Was soll die letzte Zeit meines Lebens bestimmen?

Ich schaue mal in der deutschen Ratgeberliteratur nach und finde … Nachdenkenswertes.
Da schreibt jemand, dass wir das Altwerden nur dann meistern, wenn wir die Tugend der Dankbarkeit zurück gewönnen. Jemand, der unzufrieden sei und das Gefühl hätte im Leben zu kurz gekommen zu sein, der könne nicht genießen. Er könne auch seine Erinnerung nicht dankbar genießen. Und wer das nicht könne, der könne sich auch über den Augenblick nicht freuen. Ich finde: Das macht Sinn!

Fritz Riemann, einer der großen deutschen Psychiater, fordert die Älteren heraus.
„Wir müssen neu lernen dankbar zu sein für das Empfangene, und es wieder erleben, dass Dankbarkeit ein Glücksgefühl vermittelt, weil sie uns in über uns hinausreichende Zusammenhänge sinnvoll eingliedert; Dankbarkeit wärmt das Herz und öffnet es für >gute< Gefühle.“ 

Wenn ich mich an der Supermarktkasse umdrehe und ältere Menschen anschaue, dann sehen die nicht so aus, als wenn sie gute Gefühle hätten. 
Kann ich auch dankbar sein, wenn ich gar nichts erlebt habe, wofür ich dankbar sein könnte oder wenn es mir im Augenblick gerade wirklich beschissen geht?

Und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe;
denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.

Sag ich doch. Da ist nicht viel, wofür ich dankbar sein könnte. Ruck zuck ist es vorbei.
Statt dankbar zu sein, will ich eher versuchen, würdig und tapfer die letzte Zeit zu überstehen.

Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang.
Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.
Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände bei uns.
Ja, das Werk unserer Hände wollest du fördern.

Der Psalmbeter ist klug, denn der bleibt nicht allein mit seinem Altwerden und seiner Vergänglichkeit. Der holt noch jemand mit in sein Lebensboot, nämlich Gott. 
Der Psalmbeter geht davon aus, dass in seinem Leben noch jemand anderes seine Finger im Spiel gehabt hat, als er allein. Viele Dinge konnte er in seinem Leben bewerkstelligen, viel hat er selbst entschieden, aber genauso viel ist ihm auch einfach so zugefallen, war Zufall, war Geschenk. 
Von wem? Wem darf er dankbar sein?

Der Psalmbeter bittet Gott, ihm die Augen zu öffnen für das, was ihn dankbar machen kann.
Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.
Der Psalmbeter wendet sich in seiner Vergänglichkeit und damit am Ende seines Lebens an Gott. 
Er will nicht tapfer und würdig sterben.
Er will geborgen sein, ohne Angst. 
Er will am Ende geliebt werden 
und deshalb wirft er sich Gott in die Arme.
Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.
Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden,
bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.   So beginnt der 90. Psalm.

Dankbar zu werden im Angesicht Gottes
bedeutet würdig alt zu werden.

 

Ihr Karl-Ernst Wahlmann, Pastor i.R.

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